Göttinger Händel-Fest · Archiv 1935

Oper Parthenope im Gewand der neuen werkgetreuen Aufführungspraxis

Das Jahr 1935 markiert Georg Friedrich Händels, sowohl auch Johann Sebastian Bachs 250. Geburtsjahr.

Das „Göttinger Händel-Fest“ vom 22. bis zum 26. Juni 1935 stellt stilistisch einen Bruch dar. Bis dahin hatten sich Festspielgründer Oskar Hagen und ihm folgend Hanns Niedecken-Gebhard zu einer gegenwartsbetonenden Bearbeitung und Aufführung entschlossen, die gekürzten Opern in ein expressionistisches Ambiente gestellt und den für die barocke Oper überlieferten Stil weitgehend aus ihren Aufführungen eliminiert. Jetzt entschied sich Niedecken-Gebhard, den Forderungen der Wissenschaft folgend und maßgeblich unterstützt von Fritz Lehmann, zu einem der Gegenwart ab- und der barocken Aufführungspraxis zugewandten Stil, der sich auch in den Kostümen und Bühnenbildern von Lotte Brill durchsetzte. Die 1935 gespielte Oper Partenope (Parthenope) war erster Ausdruck dieser für die Göttinger Händel-Festspiele bedeutsamen stilgeschichtlichen Wende zu einer werkgetreuen Wiedergabe. Zusätzlich zu den Opernaufführungen hat die Göttinger Händel-Gesellschaft das Händel-Oratorium Triumph der Zeit und der Wahrheit, ein Kammerkonzert und Abendmusik im Freien mit Werken von Händel und anderen Komponisten veranstaltet.

Hanns Niedecken-Gebhard hatte bereits von 1922 bis 1928 als Oberspielleiter der Händel-Festspiele gewirkt und kehrte 1935 zurück. Von 1931 bis 1933 arbeitete er an der New York Metropolitan Opera. 1933 fliehen die ersten Menschen aus Deutschland in die USA. Niedecken-Gebhard geht den umgekehrten Weg und verlässt Amerika wieder. Er sieht im Nationalsozialismus die Chance, seine künstlerischen Vorstellungen von Bewegung und Tanz umsetzen zu können. Um in Nazi-Deutschland arbeiten zu können, geht er eine Scheinehe mit der Bühnenbildnerin Lotte Brill ein. Er gehört zu den wenigen homosexuellen Künstlern, die in der NS-Zeit ihre Position nicht nur halten, sondern ausbauen können.

Niedecken-Gebhard entwickelt die von den Nazis erwünschten »Thingspiele« als »völkisches Theater«. Er inszeniert die Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele 1936 sowie die 700-Jahrfeier Berlins 1937. Er bekommt vom Reichserziehungsminister den Professorentitel verliehen. Er lehrt an zwei Lehrstühlen, in Berlin und in Leipzig. In all den Jahren führt er bei den Händel-Festspielen in Göttingen weiter Regie.

1945 wird er zunächst seiner Ämter und seiner Professur enthoben. In Göttingen kann er dann aber ab 1947 Theaterwissenschaften lehren. Dieser Lehrstuhl wird speziell für ihn eingerichtet. Bis zu seinem Tod 1954 wirkt er prägend bei den Göttinger Händel- Festspielen mit.

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